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Ausrichtung am menschlichen Maß.
Anmerkungen zum bildhauerischen Werk von Franz F. Wörle. "Wichtig ist, ein Objekt neu zu schaffen, das möglichst
ein ähnliches Gefühl vermittelt wie beim Anblick des Subjekts." Alberto Giacometti 1)
Das Zitat Giacomettis führt mitten ins bildhauerische
Werk von Franz F. Wörle. Berührt es doch die wichtige Frage, wo sich der Künstler befindet, dessen strenge und klare Arbeiten sich weder der konkreten Plastik noch der abbildenden Skulptur eindeutig zuordnen
lassen. Während erstere gegenstandslos ist und mit konkreten Formen arbeitet, strebt die abbildende Skulptur eine Ähnlichkeit mit einem vorgegebenen Subjekt an, sei sie nun figürlich oder abstrakt, was nichts
anderes bedeutet als eine Abstraktion von der realen Form. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten nun wählt Franz F. Wörle eine dritte, welche dieser Aufsatz beschreiben möchte.
Auf den ersten Blick ist man
geneigt, die Arbeiten von Franz F. Wörle, weiche ein eng umrissenes Formenrepertoire immer wieder neu untersuchen, der Konkreten oder der Minimal Kunst zuzuordnen, deren formale Variationen sich
selbstreferentiell immer nur auf die eigenen Mittel beziehen. Freilich verzichtet der Künstler auf direkte und allzu eindeutige Bezüge zu realen Gegenständen und ersetzt diese in seinen architektonischen Skulpturen
durch "reale" Beziehungen im "realen" Raum woraus man schließen könnte, daß seine Stelen oder Quader selbst zum Thema werden und nicht ein Subjekt, das außerhalb
dieser für sich selbst gültigen Gebilde existiert. Damit entspräche er durchaus minimalistischen Ansprüchen.
Allerdings jedoch tragen seine Arbeiten Titel: "Bodentor" und "Tor"
evozieren die Funktion oder zumindest die Situation von Gegenständen, die hier freilich nicht einfach redundant benannt sind, sondern bewußt die assoziative Phantasie des Betrachters herausfordern.
Während die Konkrete Kunst die formalen Gebilde wörtlich nimmt, also den Kubus, den sie darstellt, tautologisch im Titel wiederholt, überschreitet Franz F. Wörle bereits hier die konkrete Skulptur. |
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Kleinskulpturen |
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Mit der Benennung entzieht sich der Künstler dem Vorwurf formalistischer Selbstbezüglichkeit und konfrontiert uns mit der Tatsache, daß jede Form und
bereits das Material in einem Kontext der Kunstgeschichte stehen. Beide, sowohl Form als Material, assoziieren das Objekt mit diesem Kontext.
Das Material Franz F. Wörles ist Eisen, und zwar in einer
Zustandsform, welche dem Material am genauesten entspricht. Es ist rostig, so wie es ohne Konservierung werden muß. Zwar wurde durch den Auftrag von Säuren der Vorgang des Patinierens
bzw. Oxydierens künstlich beschleunigt, doch die Reaktion auf Außeneinflüsse ist eine natürliche Eigen- schaft des Materials. Die haptische und optische Oberflächen- erscheinung des
rostenden Eisens ist gekennzeichnet durch die Rauheit der Oberfläche, welche gewissermaßen offen ist. Sie hat feine Poren wie eine Haut, schält sich im Laufe der Zeit und läßt ihre Prozeßualität
erkennen.
Während die Minimal Kunst jeglichen psychologischen oder meta- physischen Inhalt in der Kunst negiert, wird mittels des materialgemäßen Verhaltens von Eisen, angesichts
seiner Veränderung im Rosten, angesichts seines Reagierens auf Außeneinwirkungen offensichtlich, daß das Verhalten des Materials uns etwas bewußt machen kann, was über sein faktisches Selbst hinausreicht.
Das Material wird zum paradigmatischen Erfahrungsgegenstand einer Struktur, die der Betrachter als nachvollziehbar erfährt. Veränderung und Vergänglichkeit werden darin direkt erfahrbar.
Zur Selbstevidenz von
Form und Material tritt also ein Modell von Existenz, das die meist stelenartigen Skulpturen von Franz F. Wörle uns bei genauer Betrachtung mehrfach in unaufdringlicher Weise vermitteln.
Sie alle nämlich haben menschliches Format, treten uns in menschlicher Größe gegenüber und stehen auf dem selben Erdboden wie wir als Betrachter. Ihr Bezug zu uns ist also unmittelbar. Ähnliches gilt für die Form
und die davon abgeleiteten Proportionen der Stelen. Sie beschränken sich auf geometrische Formen: Quader, Würfel, Säulen in relativer Exaktheit. Allerdings zeigt sich beim genauen Verfolgen der
Kanten immer auch eine Abweichung. Keine der Linien ist mit dem Lineal gezogen worden, keine der kantigen Formen gepreßt oder gestanzt. Größtmögliche Genauigkeit wird angestrebt, jedoch nur mit den Mitteln des
Augenmaßes. Die Wirkung ist entsprechend; wir erfahren die Arbeiten als menschliche Produkte, nicht als maschinell erzeugte Fertigteile. |
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Hier an dieser Stelle wird eine weitere Festlegung möglich, nämlich die Entscheidung, ob wir Franz F. Wörles Arbeiten als Skulpturen oder als Plastiken
bezeichnen sollen. Der Vorgang des Schweißens, den der Künstler selbst durchfuhrt, spricht für die Bezeichnung Plastik, allerdings wirken viele Arbeiten, deren Oberfläche oder Begrenzung deutliche Spuren der
Bearbeitung zeigen, im weitesten Sinne modelliert, und man möchte sie als Skulpturen begreifen. Wo ein Wachsmodell als Vorlage für den Guß dient, oder wo dem Zufall der Tröpfchenbildung im Guß nachgeholfen
wird, fällt die Entscheidung für den Begriff der Skulptur relativ leicht. Ich werde die Arbeiten im folgenden als skulpturale Plastiken bezeichnen.
Angesichts des menschlichen Formates der skulpturalen Plastiken
wird man nicht nur von Sockel- und Kopfbereich der Stelen sprechen, sondern man wird sie in Kopf, Mitte, Rumpf, Schritt und Fußbereich unterteilen müssen je nach ihrer Strukturierung, und der Blick
weitet sich ganz automatisch für die Details der Stelen, die man bislang nur als rein formale wahrnahm, und die man nun als Körperteile verstehen darf. |
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Also sind die Arbeiten von Franz F. Wörle doch abbildend?
Die Antwort ist nicht unproblematisch; zwei Hinweise auf die Vorbedingungen des
Künstlers möchten sie erleichtern.
Zunächst spielt die Begegnung mit dem figürlich arbeitenden Bildhauer Giacometti eine große Rolle für das Verständnis der Arbeiten von Franz F. Wörle.
Bereits auf den ersten Blick fallen formale Ähnlichkeiten auf, wie etwa die Fragilität der durchbrochenen Stelenpaare, deren Pro- portionsverhältnisse und Gewichtsverteilung zwischen schwerer
Standform und langgestreckten Beinform zu vergleichbaren Lösungen kommen.
Die konsequente Fortführung und Weiterentwicklung zumindest formal ähnlicher Überlegungen führt Franz F. Wörle
schließlich zu der Problematik von Gewicht und Streckung, Labilität und Standfestigkeit, die ihn wie Giacometti dazu veranlaßt, seine Skulptur auf ein fahrbares Gestell zu setzen.
Volumen, Schwere und Material der Skulptur stehen in krassem Gegensatz zu ihrer Beweglichkeit und geben ihr ein absurdes Dasein. |
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Indem die Eisenskulpturen ihre gegebene Materialität negieren, zu beweglichen oder zumindest transparenten Objek- ten werden, überschreiten sie das reine
Material, ohne direkt abbildlich zu sein, durch eine ihnen innewohnende Idee, bzw. durch die Imagination des Betrachters, der diese Spannung wahrnimmt. Auch hier zeigt sich dem Bildhauer mehr oder weniger
bewußt ein Prinzip, das genauso für Giacometti gilt: das Wesentliche der Dinge ist ihre Erfahrbarkeit im Leben, ihre Erscheinung und Wahrnehmung jenseits korrekter Nachmeßbarkeit oder kritischer Überprüfung.
Sie existiert unabhängig von veristischer Wiedergabe durch die jeweilige spontane, nie absolute Erfahrung des Bildhauers wie des Betrachters.
Was bei Giacometti für die menschliche Figur gilt, läßt sich bei
Franz F. Wörle auch für die Architektur sagen. Keines- falls nämlich hat man den Schlüssel des Künstlers mit dem Hinweis auf den figürlichen Anteil in seinen skulpturalen Plastiken in
der Hand. Bereits die Bodentore weisen architektonische Strukturen auf. Geometrische Formen sind in ein Feld bzw. in einen Rahmen gespannt, Positiv- und Negativformen stehen sich gegenüber. Je
zwei schräge Ebenen verspannen sich, im ersten Fall hindert sie ein Zylinder an der Bewegung nach oben, im zweiten Fall steht der Abwärts- bewegung die Hohlform des gleichen Zylinders entgegen. Ein drittes
Bodentor steht offen, das extreme Volumen der Torflügel offenbart sich dem Betrachter durch den Blick auf ihre Schmalseite.
Die hoch aufstrebenden Stelenformen erschließen ihre architektonischen Qualitäten nicht
in einer Modellsituation, die der Betrachter von oben überblickt, wie die Bodentore, sondern sie müssen rundum erfaßt werden durch das Ab- schreiten ihrer Form, die sich mit jedem Blickwinkel
verändert. Wahrgenommen wird nicht nur der Raum, auf den die skulpturalen Plastiken Bezug nehmen, sondern die Binnenräume der Durchbrüche und Ausschnitte mit ihren wechseln- den Ein- und Durchblicken. Der
Stabilität der Gesamtform stehen zahlreiche Verschiebungen, Verdrehungen und Brüche entgegen. Paarweise angeordnete Skulpturen haben dabei die Funktion gegensätzlicher Zwillinge.
Freilich
resultiert die architektonische Vorgehensweise Franz F. Wörles aus der Begegnung mit europäischer Architektur und Architekturgeschichte, deren Kennzeichen das Planen und Messen sind. Spätestens seine "Seelen-
häuser" jedoch führen nach Nordafrika zu den Siedlungs- und Bautormen der Berber und schließlich zur Architektur der Dogon, deren Maß allein der Mensch ist, seine Bedingungen und seine Bedürfnisse. Natur und
Kultur befinden sich hier in einem Einklang dank der animistischen Bedeutung und traditionellen Nutzung der Gebäude.
"Seelenhäuser" nennt Franz F. Wörle nun seine jüngsten Arbeiten, die keinen Zweifel
an der Herkunft aus der Architektur mehr lassen |
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Stelen |
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Zwei Arbeiten gliedern sich in Sockelzone, offenes Stützengeschoß und kopflastige Dachzone, einmal als Turm aus- gebildet, einmal als Querriegel. Ein
drittes "Seelenhaus" besteht aus einem geschlossenen Körper mit schmaler Eingangsöffnung und einem Zinnendach.
Die elementaren Formen aller drei Arbeiten, ihre nicht streng orthogonalen Details sowie
die Oberfläche, welche deutliche Bearbeitungsspuren zeigt, erschließen sich wie von selbst, wenn man das Bildmaterial des Künstlers be- trachtet, welches seinen Aufenthalt in einer fremden Kultur dokumentiert.
Lehmfarbene Baukörper, die aus dem gleichfarbigen Boden wachsen und die alles überragende Toguna, Versammlungsstätte der Dorfältesten, mit ihrem mächtigen, schweren Schilfdach und den schweren Stützen haben sich dem
Künstler so eingeprägt, daß er sie aus dem Kopf wiedergeben kann.
Das eingangs erwähnte Zitat Giacomettis erfüllt sich. Franz F. Wörle hat seine "Seelenhäuser" so geschaffen, daß sie ein
möglichst ähnliches Gefühl vermitteln wie beim Anblick der Originale.
Wenn der Künstler also sagt: "Bildhauer denken mit den Fingern" 2), dann formuliert er nicht nur eine Gegenposition zu Theo
van Doesburgs Grundlage der Konkreten Malerei: "Das Kunstwerk wird weder mit den Fingern noch mit den Nerven erschaffen ... Alles ist meßbar, selbst der Geist mit seinen 199 Dimensionen" 3), sondern er
proklamiert bei aller Grundlegung des Intellekts die Abweichung von der strengen und rigiden Norm zugunsten organischer Proportions- verhältnisse und damit humaner, menschgemäßer Skulpturen, deren plastische
Gegebenheiten nicht autonom sind, sondern abhängig von der menschlichen Erfahrung.
Text Dr. Hanna Stegmayer
1) Ernst Scheidegger (Hrsg.), Alberto Giacometti, Schriften, Fotos, Zeichnungen, Zürich 1958, S. 9
2) Franz F Wörle in: Süddeutsche Zeitung München, 13./14. Jan.1996,S.14
3) Theo van Doesburg, Base de la peinture concrät in: Art Concret 1, Paris 1930, S. 1-4 . |
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